Vom Überleben mit Twitter

Herrschaften,

meine Twitter Timeline hat mir gestern Abend zwar vielleicht nicht das Leben, aber zumindest die geistige Gesundheit gerettet. Anatol Stefanowitsch hatte uns den Jauch ja bereits im Vorfeld unter die Nase gerieben und so sah ich mir das Elend in epischer Breite an. Die beiden größten Herrenwitze des gestrigen Abends waren eindeutig Wibke Bruhns und Günter Jauch selbst.

Günter Jauch hatte die falschen Moderationskarten dabei, nämlich die mit den bildungsbürgerlichen Papisprüchen, die bei Wer wird Millionär milde lustig sind, aber halt bei der Diskussion eines gesellschaftlichen Problems eher fehl am Platz.

Wibke Bruhns aber vertrat ein Menschenbild, in dem “der Mann” mit der Keule auf die Jagd geht und die Familie in der Höhle sitzt und wartet (cf. Loriots Papa ante Portas, der im Vergleich geradezu revolutionär subversiv mit diesem Menschenbild umgeht). Frauen, so geht die darwinistische Logik weiter, können in der Welt nur bestehen, wenn sie “stark genug” sind, um mit der männlichen sexualisierten Aggressivität im allgemeinen Umgang zurechtzukommen, sich davon nicht kleinkriegen lassen. Frauen, die das nicht können, haben auch keinen guten Job verdient.

Das ist natürlich aus jeder möglichen Richtung betrachtet Blödsinn: Weder sind Männer von Natur aus sexistische Arschlöcher noch sollte das, wenn es denn dann doch in der Praxis mal vorkommt, zum Maßstab von unser aller Verhalten werden.

Die weitere Diskussion bei Jauch kam dann immer wieder darauf zurück, dass Frauen sich erstens wehren müssten und es wurde zweitens gefragt, wo denn jetzt die Grenze verlaufe zwischen “harmlosem Flirt” und Übergriff. Diese Diskussion macht mich schon wieder ganz unglaublich müde, denn sie geht davon aus, dass Männer nicht in der Lage seien, das zu unterscheiden. Das stimmt so ganz einfach nicht. Es gibt keine breite Grauzone, aus der sich die große Zahl von Missverständnissen ergeben könnte, die angeblich unabsichtlich zu übergriffigem Verhalten führen.

Wenn in einer Kneipe ein Typ eine Frau anspricht und sie daraufhin “Aha” sagt und sich zu ihrem Bier umdreht, dann hat sie sich nicht ambivalent verhalten. Dann hat sie nicht – wie unterschwellig auch immer – signalisiert, dass sie Körperflüssigkeiten austauschen möchte. Es ist überhaupt nicht nötig, dass sie sagt “Geh weg, ich möchte nicht mit dir reden”, denn die normalen Regeln des sozialen Miteinanders beinhalten bereits, dass hier ganz offensichtlich die Kontaktaufnahme nicht auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Wenn der Typ jetzt weiter auf die Frau einquatscht, dann liegt genau darin der Übergriff und der definiert sich weder durch Alter noch durch sexuelle Attraktivität wie Herr Karasek bei Jauch gestern Abend meinte, sondern einfach dadurch, dass der Mann in dieser Situation zwar gemerkt hat, dass kein Interesse an einer Unterhaltung besteht, aber sich dazu entschieden hat, das zu ignorieren.

Dass es im alltäglichen Miteinander zwischen Männern und Frauen ständig zu Missverständnissen über gegenseitige Sympathie und Paarungsbereitschaft käme, ist einfach nicht wahr. Die Grauzone ist an dieser Stelle verschwindend klein und nicht die Frauen müssen darüber aufgeklärt werden, wie sie aus der Grauzone herauskommen. Wenn es nach denen geht, die solche Argumente vertreten, dann ginge das ohnehin nur indem sie sich zu Hause einschlössen. Anders hätte sich der größte Teil der #aufschrei-Erlebnisse nämlich nicht verhindern lassen.

Können wir bitte endlich aufhören so zu tun als hätten wir es hier mit subtilen Nuancen der ach so ambiguen menschlichen Kommunikation zu tun und das Problem dort lokalisieren wo es liegt, nämlich darin, dass Menschen in bestimmten Situationen einfach den Willen und die Äußerung des Gegenübers ignorieren. Das nämlich ist tatsächlich nicht von vornherein gegendert. Das können (und tun) Frauen ebenso wie Männer und dann ist es ebenso falsch. Der Unterschied ist nur, dass die Machtverhältnisse eben so sind, dass Männer häufiger als Frauen in der Position sind, das zu tun.

About these ads

16 Gedanken zu „Vom Überleben mit Twitter

  1. Hallo,

    ich möchte Dir in einem Punkt widersprechen und zwar das es dieses breite Feld von Missverständnissen nicht gebe.

    Die Regeln des Miteinanders werden nämlich nebenbei und unterschwellig ausgehandelt und deshalb sind Beziehungsstörungen eher die Regel als die Ausnahme (besonders bei multiplen Rollenkonstellationen).
    Was in einer Beziehung geht oder nicht geht, darüber herrschen oft unterschiedliche Vorannahmen, die nicht im Detail alle sich daraus ergebenden Umgangsformen spezifiziern.
    Es ist also unwahrscheinlich das alle Menschen die gleichen Voranahmen und Voraussetzungen für ein gelungenes miteinander teilen ohne darüber zu reden.

    Und darum geht es in dieser Debatte, nämlich genau das zu klären. Und dazu gehört meiner Meinung nach auch die Frage was beim Flirten (verbal) erlaubt ist und was nicht.

    Viele Grüße.

    • Hey there,
      sind Beziehungsstörungen die Regel und nicht die Ausnahme? Ich bin mir nicht sicher, ich hoffe es einfach mal nicht, weil ich meinen Alltag im Vertrauen darauf organisiere, dass die wesentlichen Parameter der Beziehungen zwischen mir und meiner Umwelt so geregelt sind, dass es keine schlimmen Missverständnisse gibt. Ich stimme dir insofern zu, als wir natürlich individuelle Bezugsrahmen nie verallgemeinern sollten. Das wollte ich auch mit meinem Stoßseufzer heute gar nicht andeuten. Was ich allerdings sagen wollte, ist, dass die vermeintlichen Missverständnisse, die beim Jauch gestern vorkamen, also “Ist es okay, wenn ich Frau Wizorek sage ‘Sie haben aber heute ein schönes Kleid an’ oder darf ich das jetzt etwa auch nicht mehr?” meiner Wahrnehmung nach viel häufiger keine Missverständnisse sind als der Jauch wahrhaben wollte.

      • @damengedeck

        Ich gehe mal nach der #aufschrei Aktion davon aus, das es auf der einen Seite eine Partei (hier manche Frauen) gibt, die ein Problem mit den von manchen Männern gesetzten ‘Beziehungsrahmen’ hat.

        Die Jauch Sendung habe ich nicht gesehen. Darum kann ich auch nur indirekt etwas zu Deinem Beispiel sagen.
        Wenn ich davon ausgehe, das ich das Kleid bzw. die Kleidung einer Frau zum Themen machen kann, sie aber meint das gehe ihr schon zu weit, liegt da natürlich ein Mißverständnis vor und kein Übergriff.
        Wenn sie mir sagt, ich solle die Kommentare über ihre Kleidung unterlassen ich mich aber nicht daran halte, dann ist das jede weitere Bemerkung ein Übergriff (weil mir nicht an einem Konsens in gelegen ist was in unserer Beziehung geht und was nicht.)

    • “Es ist also unwahrscheinlich das alle Menschen die gleichen Voranahmen und Voraussetzungen für ein gelungenes miteinander teilen ohne darüber zu reden.”

      Das ist überhaupt nicht unwahrscheinlich, sondern Sozialisation. Mitglieder einer Gesellschaft erlernen das komplexe soziale Regelwerk durch Beobachtung, Erfahrung (direkt wie medial vermittelt). Es mag da regionale wie millieubedingte Spezifika geben, aber die moderne Medienlandschaft bügelt viel davon aus. Dass der Ort für die Partnersuche eher Abendveranstaltungen, Kneipen, Partys und Diskotheken sind, dafür braucht man keine geschriebenen Regeln. Es ist ja nicht so, dass man in Mitteleuropa permanent auf Menschen trifft, in deren Kultur ein passives oder ablehnendes Verhalten im Linienbus eine Aufforderung zum Vollquatschen ist.

      • @Ben

        Menschen haben aber trotzdem unterschiedliche Interessen, Vorstellungen, Erwartungen und Normen, wurden unterschiedlich sozialisiert, kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten etc etc.

        Außerdem kann ein Mensch Träger verschiedener Rollen sein, die unterschiedliche Anforderungen an ihn stellen.
        Ganz zu schweigen davon, das Rollen & Rollenverhalten sich über die Zeit ändert.

  2. Tausend Dank!
    Mein Eindruck in den letzten Tagen war ganz ähnlich. Es wurde seitenweise Diskutiert ob man denn jetzt nicht mehr flirten dürfe oder hinschauen oder ein Kompliment machen. Es wurde Angst vor einer Grauzone geschürt, die eine eindeutige Kommunikation unmöglich mache, Männer sein so und Frauen müssen das abkönnen.
    Es mag sicher Grenzfälle geben, vor allem wenn Menschen flüchtige Blicke interpretieren wollen. Ja, vielleicht gibt es auch Menschen, die eine ernst gemeinte Frage nach der Uhrzeit bereits als Angriff auf ihre persönliche Sphäre begreifen. Aber das ist doch so ein winziger Teil der eigentlichen Thematik, dass es mir lächerlich erscheint da pausenlos drauf einzugehen. Vor allem angesichts der ganzen eindeutigen bis handfesten Übergriffe, Beleidigungen, Sprüche, Begrabscher und Bedrohungen die getwittert wurden.

  3. Gut zusammengefasst. Hab aber nicht schlecht gestaunt, dass die Werbung unter dem Artikel dann das Bild einer sich ausziehenden Frau – ohne Kopf, nur Bauch und Busen – mit dem Text “Geheimnis der Gewichtsabnahme entblößt” war.

    Selten sowas unpassendes gesehen… m(

      • Die Werbung hat wahrscheinlich dann die Twitter-App eingefügt… wtf. Egal wo sie herkam: war einfach sehr (un-)passend.

  4. Ich glaube dein Beitrag zeigt exemplarisch wie Dinge vermischt werden. Sexismus (oder wie man es nennen will) wie Begrapschen, Machtausübung am Arbeitsplatz u.ä. ist das eine Eine, Grenzüberschreitungen beim Flirten/normalen zwischenmenschlichen Umgang das Andere – und das ist weitgehend unvermeidbar. Du bestreitest das, indem du Beispiele konstruierst, die vom einen ins andere Extrem fallen. Wer einen Korb kriegt, würde sehr gern begrapschen und bedrängen – das schwebt dir de facto vor und sei weit verbreitet und das eigentliche Sexismus-Problem (wenigstens beim Flirten). Nein, das ist kaum ein Problem. Ich wüsste nicht, ob ich von so einem Beispiel überhaupt gelesen hätte. Das Gros schilderte: man wurde überraschend begrapscht, Lehrer/Arbeitgeber machten anzügliche Bemerkungen u.ä. Das Problem, das ich und andere Männer in der Diskussion haben, ist die Unterstellung, im zwischenmenschlichen Annäherungsprozess ginge man verbreitet bewusst über Grenzen. Du bestreitest es, aber Missverständnisse sind hier tatsächlich an der Tagesordnung, wenigstens was Unterschichts- und Durchschnittsmänner betrifft. Der Clou gestern war ja, dass Frau Wizorek und Koch-Mehrin es schlicht nicht begreiflich machen konnten, was sie wollen, insb. bei 31:56 war @marthadear auf den Einwand Karaseks sprachlos. Ob das in-die-Augen-schauen übergriffig sei, entscheide allein die Frau. Dass die Frau erst das Näherkommen signalisieren müsse, kann es geben, ist aber ein Spezialfall des Flirtens. In der Regel fällt der erste Annäherungsversuch gerade mit der von der Frau subjektiv wahrgenommenen Grenzüberschreitung zusammen. Männer wissen es nicht besser. Männer sind (!) “von Natur aus sexistische Arschlöcher”, tut mir leid es für meine Gattung sagen zu müssen. Ein verliebter Mann reagiert auch vorsichtiger/anders als einer auf der Pirsch. Die holprigen Anmachen sind grundsätzlich gezwungen und verlogen, Männer wissen es nicht besser. Ob tief in die Augen geschaut, die Hand um die Frau gelegt wird, ein widerlicher Spruch kommt … das ist idR keine böse Absicht, im Gegenteil. Wie gesagt, das gilt für Unterschichts- und Durchschnittsmänner, nicht zwingend für das gehobenere Niveau. Das zu verändern wird nicht klappen, Mann und Frau sind verschieden, da braucht man sich nicht über Begrifflichkeiten wie “Spezies” zu streiten. Zu verurteilen und anzugreifen ist einzig der echte “Sexismus”, der bewusst respektlose Umgang mit dem anderen Geschlecht/aus Machtverhältnissen etc. Einen Hauptgrund für solches Verhalten sehe ich gerade, pardon, im heutigen Extremfeminismus, der übers Ziel hinausschießt und Gegenreaktionen provoziert.

    • Hey there,
      mir ist nicht so ganz klar, worauf du hinaus willst, deshalb versuche ich jetzt nur, einen Punkt klarzustellen, in dem ich mich falsch verstanden fühle.

      Du schreibst unter anderem: “Wer einen Korb kriegt, würde sehr gern begrapschen und bedrängen – das schwebt dir de facto vor und sei weit verbreitet und das eigentliche Sexismus-Problem (wenigstens beim Flirten).”

      Das habe ich nicht nur nicht geschrieben, sondern auch nicht gemeint. Ich denke schon, dass die Belästigungen, die in der #aufschrei-Aktion sichtbar gemacht wurden, strukturell vergleichbar sind. Das denke ich deshalb, weil sie in meinen Augen die gleiche Quelle haben, nämlich eine Nichtachtung eines Gegenübers und zwar deshalb, weil das Gegenüber in allen diesen Fällen in seiner Individualität und seinen Bedürfnissen für irrelevant gehalten wird.

      Ich würde allerdings nie behaupten, dass Begrapschen gegen den Willen einer Frau in jedem Fall eine notwendige Eskalationsstufe sei.

      Wenn ich übergriffig sage, meine ich hier durchaus auch schon das Aufzwingen eines Tresengesprächs oder wie im Beispiel von Ben (siehe oben) eines Gesprächs in der U-Bahn: Warum muss ich denn, nur weil ich ein X-Chromosom mehr habe, erst unhöflich werden, wenn ich nicht mit jemandem sprechen möchte? Ich finde nicht, dass jemand mit Y-Chromosom ein Recht auf meine Aufmerksamkeit nur aus diesem Grunde hat. Von Handgreiflichkeiten oder gar Verbrechen habe ich gar nicht gesprochen.

  5. Pingback: Artikelsammlung #Aufschrei | zeitrafferin

  6. Pingback: Endlich werden die Täter genannt | Der Aufschrei

  7. Pingback: #aufschrei – eine kurze Bestandsaufnahme | Kleinerdrei

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.