Herrschaften,
Hammer! Ich dachte ja eigentlich, dass ich im Vorfeld des Marathons ständig Selbsttherapiebedarf hätte und also alle zwei Tage bloggen müsste. Weit gefehlt. Ich kam zu nichts, wie die geneigte Leserin meinem Schweigen entnehmen konnte. Also soweit sie nicht vermutet hätte, dass ich zwischenzeitlich aufgegeben habe. Mitnichten: Ich habe jede einzelne verdammte Trainingseinheit nach Herbert Steffnys Laufbuch durchgezogen. Ich glaube, um meine Vorbereitung mal zu evaluieren, ich habe insgesamt nur zwei Einheiten in den zehn Wochen nicht gemacht: die auf dem Laufband habe ich vorzeitig abgebrochen, weil ich die nicht ausgehalten habe, und zwei Wochen vor dem Marathon habe ich das Intervalltraining geschwänzt, weil ich mich doch irgendwie ziemlich erkältet fühlte. Sonst habe ich es einfach mal Konsequenz walten lassen, Schnee und Eis hin oder her.
Das hieß für mich, die ich doch einen nicht unanspruchsvollen Beruf habe – ich staune ja immer, wie viel einige Hobbyläufer trainieren können und wie wenige Stunden sie arbeiten – dass ich manchmal Ruhetage ausfallen lassen oder verschieben musste. Das war sicherlich nicht optimal, weil die Regeneration ja zum Training dazugehört, aber für mein Gefühl war es besser, die Einheiten trotzdem zu laufen.
Über die gesamte Zeit gesehen hat mich als Marathonneuling vor allem fasziniert, wie schnell ich konditionell fitter wurde: Die erste lange Einheit von 24km habe ich deutlich schwieriger weggesteckt als die 28km ein paar Wochen später und die versehentlich zu lang geratenen 34km drei Wochen vor dem Marathon haben mich zwar physisch an meine Grenze gebracht, aber ich habe mich wahnsinnig schnell davon erholt. Erstaunlich für mich war auch, dass eine durch die Marathonvorbereitung nicht unbedingt automatisch Körpergewicht verliert, weil du nach den langen Läufen unweigerlich irgendwann Riesenhunger bekommst.
Das wiederum hat mich auf ein ganz anderes Problem zurückgeworfen, über das ich mich aber heute nicht verbreiten will. Ich kämpfe ja noch immer mit meinen Dämonen. Das soll heißen, dass der Gedanke, dass ein Mensch essen muss, um aktiv sein zu können, und dass die Unfähigkeit, das Essen zu unterlassen, keine charakterliche Schwäche ist, mir immer noch sehr fremd ist. Das hat natürlich gravierende Auswirkungen auf mein Essverhalten, aber ich glaube, dass mich der Sport ein wenig gesünder macht, weil er mir deutlicher aufzeigt, wofür ich Energie zuführen muss. Aber wie gesagt, ganz anderer Post.
Das Training selbst war für mich gut zu bewältigen. Die tempointensiven Einheiten waren manchmal schwierig in die Praxis umzusetzen, weil es einfach sehr kalt war und sehr glatt überall. Falls der nächste Winter wieder so wird, muss ich mir vielleicht doch einen Zugang zu einem Laufband verschaffen, aber das ist ja jetzt zum Glück noch lange hin. So war ich jedenfalls am Ende schon irgendwie genervt, aber eigentlich nicht so sehr vom Laufen, sondern mehr von den Rahmenbedingungen. Da habe ich schon ein- oder zweimal gesagt, dass ich nach dem Marathon nie wieder laufe, außer zum Bus.
Ein Problem ergab sich allerdings aus den Bedingungen: Durch das ständige Laufen in Eis und Schnee fühlten sich meine Beine irgendwie nicht so ganz sicher an. Ich kam ständig irgendwie doof auf und habe mich ganz offensichtlich nicht ernsthaft verletzt, aber die Beine waren trotzdem alle beide irgendwie niggelig. Bei der Generalprobe am vorletzten Sonntag, dem Halbmarathon in Wilhelmsburg, waren sie relativ geschmeidig, aber weit entfernt von ideal. Ich habe die Woche über dann alles getan, um die Muskeln und Sehnen so gut wie möglich locker zu machen und es tat mir am Sonntag vor dem Start auch nichts weh, aber die Beine waren hart, daran war nichts zu rütteln.
Ich bin also am Sonntag schon von Anfang an nicht richtig in Schwung gekommen, ich habe mit meinen Beinen gekämpft und keinen Rhythmus gefunden. Nach der Halbmarathonmarke habe ich mir dann ein bisschen Musik angemacht, damit ich, wenn schon keinen eigenen Rhythmus, dann wenigstens einen von außen aufgenommenen finde. Das ging auch so weit ganz gut. Du lebst und lernst: Gel kann ich als Verpflegung gut vertragen, auch sonst ging es mir, von den Beinen abgesehen, physisch ausgezeichnet. Ich litt mit Würde, könnte man sagen und das bis zum Ende. So habe ich zwar meine angepeilte Zielzeit um locker 25 Minuten verfehlt, aber ich habe immerhin meinen allerersten Marathon bewältigt.
An dieser Stelle bricht mein treuer, engagierter und auch sonst ganz phantastischer Streckensupport vor Verzweiflung zusammen, denn die hatten mir mit auf den Weg gegeben, dass ich nicht aufgeben soll, wenn mir meine Zwischenzeiten nicht gefallen. Ich frage mich: Habe ich aufgegeben? Hätte ich weiter pushen können? Ich weiß es nicht so genau, aber ich denke beinahe nein, denn wenn die Hardware nicht arbeitet, kannst du auch mit der besten Software nichts dagegen machen. Wenn ich außerdem die vergangenen eineinhalb Jahre, also meine bisherige „Laufkarriere“ mal Revue passieren lasse, stelle ich fest, dass ich mental riesige Sprünge nach vorne gemacht habe. Während ich bei meinem ersten Rennen als es schwierig wurde in Panik geraten bin, habe ich Sonntag die Halbmarathonmarke überquert und festgestellt: „So, jetzt wird es interessant.“ Ganz nüchtern.
…und das führt mich zur interessantesten Erkenntnis vom Sonntag: Marathon ist eigentlich wie Halbmarathon, nur länger. Im Leben hätte ich, ehe ich das am eigenen Leib erfahren habe, nicht geglaubt, dass einem die Zeit auch auf der Marathonstrecke nicht lang wird. Das lag ganz bestimmt auch am lustigen Hamburger Publikum, also dem, das nicht eigens meinetwegen dort war, denen gilt sowieso meine ewige Dankbarkeit. Aber es gab auch sonst kaum mal einen Streckenabschnitt, an dem nichts los war, überall standen Leute, die tapfer auch das eher hintere Feld, in dem ich lief, noch mit Verve angefeuert haben. Danke Leute, es war schön mit euch! Und dieser Marathon war ganz bestimmt nicht mein letzter. Das geht noch besser, das wollen wir doch mal sehen.