Neues vom International Man of Leisure

Herrschaften,

I accept that I’m somehow, and for some obscure, pervasive reason, doing this stuff with heroin to myself. I’m not going along with all that powerless loser shite that it’s a disease.

Irvine Welsh, Skagboys, S. 463

Vor ein paar Wochen ist Skagboys erschienen, ein Prequel zu TrainspottingSkagboys erzählt vor allem wieder von Mark Renton, aber auch von Figuren, die eigentlich Schlüsselfiguren von Trainspotting sind, dort aber nur am Rande vorkommen, so wie Johnny Swan (Mother Superior). Der Roman macht, was ein Prequel halt so macht, er berichtet, wie es so weit kommen konnte wie in Trainspotting beschrieben. Vieles davon kennt eine ja schon und dass etwa Simon Williamson (Sick Boy) einen Vater hatte, der seine Mutter mies behandelt hat, hätte sich eine vielleicht auch ohne die neuen Erklärungen denken können. Macht es übrigens – auf das echte Leben bezogen jetzt – nicht wesentlich besser, oder, um es mit Lisbeth Salander zu sagen: Man hat die Wahl, wer man sein will.

Die bürgerliche Presse warf Skagboys vor, dass er nicht wirklich erklärt, warum denn jemand wie Mark Renton, potentieller sozialer Aufsteiger mit beinahe abgeschlossenem Universitätsstudium und mehr als netter Freundin, dennoch das Leben mit Heroin dem Leben mit besagter Freundin und dem Abschluss vorzieht. Diesen Teil der Geschichte kann eine wahrscheinlich wirklich nur aushalten, wenn sie eben nicht das “medizinische Modell”, von dem im Zitat die Rede ist, kauft. Ich fand das Gespräch zwischen Mark und Fiona, in dem er ihr erklärt, dass er mit ihr Schluss macht, weil er Zeit braucht, um auf Heroin zu sein, durchaus plausibel. Die Leserin erfährt nämlich dabei gleichzeitig, dass er glaubt, dass das wahrscheinlich die letzte selbstlose Tat ist, zu der er für lange Zeit fähig sein wird.

Das hat schon seine ganz, ganz eigene, durchaus nicht unperverse Logik: Der Süchtige ist, das kann eine, denke ich, von Welsh so übernehmen, ein egoistisches Miststück, der alle, die ihm nahestehen, in seine Scheiße mit reinzieht. Mit so jemandem zu leben, macht wahrscheinlich niemanden glücklich. So gesehen ist es also tatsächlich wesentlich besser für Fiona, wenn Mark sich aus ihrem Leben verabschiedet, so lange er noch kann und ehe seine Sucht (auch) ihr Problem geworden ist.

Wahrscheinlich ist das der Punkt, an dem bei den Rezensenten, die ich gelesen habe, das Verständnis aussetzt: Mark steht hier – sehr bewusst – vor der Wahl zwischen einem Leben, das alles beinhaltet, was eine so landläufig als erstrebenswert versteht, und dem selbst gesuchten Elend im Teufelskreis aus Konsum, (drohendem) Entzug und Beschaffung.

Die Intervention, die in Skagboys vorkommt, ist die Entzugsklinik, in der Überzeugung, dass dem Süchtigen lediglich geholfen werden muss, aus der körperlichen Abhängigkeit herauszukommen und einzusehen, dass es zu nichts führt, was er tut. Als ob eine_r das nicht wüsste. Mark formuliert es so:

I could be anticipating graduating from university, or perhaps getting engaged tae a beautiful girl. Aye, I could go on about addiction as an ailment, [...] but now that I’m detoxed, I’m officially no longer physically addicted to heroin. Yet at present I crave it more than ever; the whole social thing; copping, cooking, banging up and hanging out with other fucked-up ghosts. [...] How can I sanely prefer that sort of activity [...] But I do.

Irvine Welsh, Skagboys S. 463f.

Dass einer wie Mark Renton das weiß, aber trotzdem anders handelt als erwartet, hat auch schon beim Erscheinen von Trainspotting dazu geführt, dass Vorwürfe laut wurden, es würde hier der Drogenkonsum glorifiziert. Nichts könnte ferner von der Wahrheit dieses Romans sein. Das Elend, das in Trainspotting bestenfalls angedeutet vorkommt, wird hier volle Möhre und in aller Ekligkeit auf die geneigte Leserin losgelassen.

Skagboys belässt es aber – im Gegensatz zu Trainspotting – gerade nicht dabei, sondern erklärt weiter, warum in der Welt, auf der wir drauf rumtrampeln, die Heilung eben nicht funktioniert wie erwartet. Nur macht Welsh das hier nicht direkt, das wäre ja auch Quatsch, weil doch die Figuren erzählen und die haben ganz bestimmt keine sozialpolitische Perspektive. Er streut vielmehr immer wieder Kapitel ein, in denen es um die Dutch Elm Disease geht, eine Krankheit der Bäume in Edinburgh, die bekämpft wird, indem befallene Bäume gefällt und verbrannt werden. Zusammen mit den “Notes on an Epidemic” (Kapiteln, die im ganzen Text verteilt sind, in denen Listen von neuen HIV-Infektionen enthalten sind), wird das Bild für mich recht deutlich, das die geschilderte Gesellschaft von den Krankheiten hat, die hier das Thema sind. Wenn nicht geholfen werden kann, muss isoliert und ausgerottet werden.

Diese Logik entspringt – auch im Text an sich – der thatcheristischen ökonomischen Logik: “There is no such thing as society: there are individual men and women, and there are families.” sagte die Dame herself zu ihrer Zeit. Für mich ergibt sich da ein sehr klares Bild, was die Mechanismen sind, die Mark und seine mates zum Heroin zurück treiben. Das einzige, das das Bild trübt, das so entsteht, ist die Tatsache, dass der Süchtige einen eigenen Willen und eigene Entscheidungsfähigkeit für sich reklamiert. Da waren sie wieder, meine drei Probleme, jetzt will das marginalisierte Subjekt auch noch mitreden, ja will sogar selbst an seiner Misere schuld sein, so geht es ja nun nicht. Die Armen können ja durchaus noch ausgehalten werden, wenn sie arm und hilflos sind, so dass sie sich als Objekt für Wohltätigkeit (vulgo Charity) eignen, wenn sie diese Vorstellung aber unterwandern, na dann gute Nacht.

Bleibt zu hoffen, dass auch Leute Skagboys lesen, deren  Weltbild nicht in diesem Sinne vorbelastet ist. Es haben sich in den letzten vielleicht zehn bis zwanzig Jahren noch einige andere britische Schriftsteller mit dem Thema befasst, dass das Destruktive oder – um metaphysische Kategorien zu bemühen – das “Böse” eben nicht so ist wie im Hollywood Horrorfilm: gebunden an eine Ausgeburt der Hölle, die lediglich eliminiert werden muss, damit wir alle weitermachen können wie immer und es war ausgerechnet eine Kinderbuchreihe, die an extrem prominenter Stelle festgestellt hat, dass “gut” und “böse” keine absoluten Kategorien sind, wenn es um Menschen geht, sondern dass wir alle lichte und schattige Seiten haben. Allen voran war dabei natürlich schon in den 90ern der großartige Will Self, der in My Idea of Fun vor allem zum Thema machte, wie grausam wir in unserem Bedürfnis nach Unterhaltung sind. Vielleicht könnten wir stattdessen mal den ganzen Selbstoptimierungsmist das sein lassen, was er ist: Teil einer puritanischen Ethik. Der International Man of Leisure himself macht sehr schön deutlich, dass wir auf dem Pfad der bürgerlichen Tugend so weit fortgeschritten sein können, wie wir wollen, uns das aber noch immer nicht daran hindert, uns selbst und auch anderen jede Menge Mist anzutun. Wer darüber was lesen will, der sollte sich Skagboys unbedingt zu Gemüte führen. Davon ganz abgesehen ist auch der Humor sehr trocken und das Buch an sich sieht zudem sehr hübsch aus im Regal.

Selbsthass reloaded

Herrschaften,

in der faz vom Sonnabend steht, “dass Frauen Frauen sagen, wie sie leben sollen, ist nicht besser als der Chauvinismus.” Das ist so weit erst einmal richtig. Auch richtig ist, dass die so genannte “Vereinbarkeit von Familie und Beruf” wahrscheinlich das feministische Thema ist, dass dieser Tage die meisten Menschen hierzulande umtreibt. Ich finde es allerdings noch immer eine ziemlich schreiende Ungerechtigkeit, dass es ein Thema ist, das als Frauenpolitik verstanden wird.

Erstens ist Elternschaft hierzulande zwar häufig zu einem großen Teil Mutterschaft, aber ich finde keineswegs, dass das so sein muss. Die rein körperlichen Beiträge an der Fortpflanzung sind bei Männern und Frauen unterschiedlich und dem muss selbstverständlich auch von staatlicher Seite Rechnung getragen werden, wenn wir denn nicht meinen, dass das mit der Familie reine Privatsache ist. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, haben wir uns aber ganz schön öffentlich mit Familie befasst und dann müssen wir Vätern wie Müttern dabei helfen, erwerbstätig und gleichzeitig Eltern zu sein, in welcher Form auch immer.

Zweitens ist Elternschaft, die einen signifikant zeitlich bindet, ein begrenzter Job, den eine_r eine Zeitlang im Leben machen kann, aber garantiert nicht das ganze. Wenn ich also, sagen wir mal, meine 1,3 Kinder bekommen habe, mit einem Abstand von drei Jahren, dann ist Eltern sein nach spätestens 13 Jahren zumindest kein Vollzeitjob mehr. Das Elter hat dann also Zeit, die es unter unseren wirtschaftlichen Grundvoraussetzungen sinnvollerweise unter anderem mit Erwerbsarbeit füllen kann.

Warum also sollte drittens mein gesamter Lebensentwurf an der Frage hängen, ob ich Kinder haben möchte, wenn ich eine Frau bin? Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 82 Jahren habe ich also fast 70 Lebensjahre, die ich mit was anderem zu füllen habe als hauptberuflich Mutter zu sein. Das ist der überwiegende Teil meines Lebens.

Dass es also viertens irgendwie sinnvoll ist, wenn Frauen ihre (meist teure weil universitäre) Ausbildung nicht für den Papierkorb gemacht haben, hat erst einmal überhaupt nichts mit ökonomischer Verwertungslogik zu tun, sondern es hat etwas mit Menschsein zu tun. Menschen haben lieber was zu tun als dazusitzen und Löcher in die Luft zu starren. Meistens jedenfalls.

Ich finde allerdings fünftens, dass sich daraus überhaupt gar kein Imperativ dafür ableiten lässt, wie Frauen gefälligst ihr Leben zu leben haben. Es gibt vielleicht Frauen, die sind lieber Mutter als andere, es gibt ganz bestimmt Frauen, die sind wesentlich besser im Bemuttern als andere. Jetzt einen irgendwie in letzter Zeit schick gewordenen Antikapitalismus ins Feld zu führen als Argument gegen die Forderung an Frauen, sich zu überlegen, wie sie berufstätig sein und bleiben können, wenn sie Mütter werden, dreht die Spirale der Forderungen, die es zu durchbrechen vorgibt, nur noch eine Runde weiter.

Es hört einfach nicht auf: Es wird an dir gezerrt von allen Ecken und Enden, wenn du hierzulande als Frau definiert bist. Dabei könnte alles so schön sein: Wir könnten diejenigen, die gern selber Kinder bekommen wollen, dabei unterstützen, sich um sie zu kümmern, wir können uns um die Kinder kümmern, deren Eltern das selbst nicht packen, wir könnten uns ansonsten überlegen, was wir sonst gerne so machen möchten und zwar gemeinsam und in Gemeinschaften, die die gleichen Ziele verfolgen. Wir könnten endlich einsehen, dass es keine Frage des biologischen Geschlechts ist, sich um Kinder zu kümmern und endlich – ach du grüne Neune – einsehen, dass zwei Mütter respektive Väter besser sind als keine. Und können wir bitte aufhören, Mutterschaft oder im besten Falle Elternschaft immer weiter und immer komplizierter zu mythologisieren? Wir haben so viele Kapazitäten, wunderbare Menschen zu sein (und das aus meinem kulturpessimistischen Mund, macht euch eine Notiz im Kalender), wir können mehrere Sachen sein im Lauf unserer langen Leben. Wir müssen uns nur lassen. Und das ist der Punkt, an dem es konkret politisch wird: Können wir bitte endlich kapieren, dass jeder Mensch viele Sachen ist? Flexibilität und Durchlässigkeit sind so unendlich viel wichtiger als letztgültige Entscheidungen der Frage, was denn jetzt eine “gute Frau” oder eine “gute Mutter” ausmacht. Diese Frage allein zu stellen, führt nur zu Feindseligkeiten, die vollkommen unnötig sind. Im Ergebnis scheint auch die Frau Schmelcher von der faz dieser Feststellung nicht vollkommen abgeneigt zu sein. Dass sie sie aber nostalgisch als Facette des “alten Feminismus” darstellt, macht eben das Grundproblem nicht kleiner.

Wie Lesben ihre Hunde ausführen

Herrschaften,

Man kann ja nicht immer alles nur scheiße finden. Der Mensch gedeiht nicht ohne ein gelegentliches Zutrauen zum Leben. (Thomas Kapielski)

Ich gehe mir ja gern mal was vorlesen lassen. Also eigentlich lehne ich Lesungen natürlich aus kulturpessimistischen Gründen ab, weil die Literatur von ihrer Eventisierung nicht unbedingt profitiert. Eventisierung verlangt ja auch immer, dass Eintritt genommen wird, was wiederum voraussetzt, dass Namen auf dem Programmzettel stehen, um derentwillen Eintritt bezahlt wird, was wieder dazu führt, dass immer mehr Leute, die einen Namen haben, aber nicht unbedingt schreiben können, dies dennoch tun. Ich hole an dieser Stelle kurz Luft und stelle fest, dass ich mir trotzdem gern was vorlesen lasse. Lesungen sind eigentlich auch eine Art eigener Kunstform und selbstverständlich ist es vollkommen in Ordnung, dass nicht alle Autoren und Autorinnen das gut können und gerne machen. Viele können es aber ganz erstaunlich gut.

Gestern Abend war wieder mal solches Erstaunen angesagt. Dieses hatte zusätzlich eine durchaus nicht unpolitische Dimension. Val McDermid, eine Frau, schon älter, homosexuell und Schottin, also in Großbritannien vierfach marginalisiert, las mitten im Zentrum des deutschen Mainstreams: mitten in Eppendorf, mit tatkräftiger Unterstützung eines Schauspielers, der einen Tatort-Kommissar verkörpert. Weiter in der Mitte vom Mainstream geht eigentlich gar nicht. Einige Dinge haben sich definitiv zum Besseren gewendet. Interessant allerdings, dass es ausgerechnet Crime Fiction ist, die uns alle vereint. Warum das so ist, darüber mag ich an dieser Stelle nicht einmal spekulieren.

Der Programmzettel versprach mir also Boris Aljinovic und vor allem Val McDermid und natürlich ging es im Q&A-Teil der Lesung unter anderem auch darum, wie das denn jetzt ist mit McDermids Büchern und den vielen lesbischen Figuren, die in ihnen vorkommen. Sie meinte, dass es ihr vor allem um das Erzählen von Geschichten ginge und dass in ihren Geschichten dabei eine Menge schwuler und lesbischer Menschen vorkommen, weil in ihrem Leben auch eine Menge solcher Menschen vorkommen. Sie verwies dann den Moderator noch darauf, dass sie keine besonders lesbische Methode habe, um ihre Wäsche zu waschen und dass sie ihren Hund auch nicht “in a particularly gay way” ausführe.

Mich hat besonders interessiert, was sie zum (Vor)Urteil zu sagen hatte, dass Frauen, die Kriminalromane schreiben, besonders blutrünstig dabei vorgingen. Sie hat die Frage, ob das wahr oder ein männliches Vorurteil sei, zunächst damit beantwortet, dass sie nicht wisse, ob es nicht eher ein allgemeines Vorurteil sei. Sie meinte aber dennoch, einen Unterschied feststellen zu können, der darin liegt, dass die Welt, in der Frauen sozialisiert werden, eine andere ist als die, in der Männer sozialisiert werden. Während Frauen von klein auf lernten, dass die Welt ein gefährlicher Ort sei, indem man ihnen beibringe, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein draußen unterwegs zu sein und sie sich zumindest theoretisch als potentielle Opfer wahrnähmen, würden Männer mit einer Beobachterperspektive auf Gewalt aufwachsen. Wenn Frauen nun über Gewalt schreiben, so McDermid weiter, geschähe dies aus eben dieser Innensicht, als Beteiligte, sie seien näher dran als Männer. Wenn Männer diese Art von Gewaltdarstellung dann läsen, wirke sie auf sie beunruhigender, weil sie sie zu Komplizen der Gewalt macht.

Ich würde zudem hinzufügen, dass, wenn eine schon in binären Geschlechterkategorien denken will, sie doch auch ganz gut kommt, diese Zuschreibung, dass die Frauen ganz besonders blutrünstig sind, denn damit lässt sich die Überschreitung der Rollenerwartung im Interesse an Gewalttätigkeiten neutralisieren, aber das ist ein ganz anderes Thema. Ich habe bislang wenig von McDermid gelesen, kann mir aber nach gestern abend vorstellen, dass ich mir die neueren Romane von McDermid noch zu Gemüte führen werde. Was Krimis angeht scheint mir das eine gute Adresse zu sein.

Politik und Fußball

Herrschaften,

Die geschätzten Kollegen befassen sich heute sehr offensichtlich empört mit etwas, das doch eigentlich mein Lieblingshobby ist: Journalistenschelte. Es geht um das Drama, das sich während des Spiels St. Pauli – Hansa Rostock am Sonntag abgespielt hat. Ich kann das Drama selbst nicht besonders gut beurteilen, denn mein Sonntag begann zwar auf dem Südkurvenvorplatz, für die letzten dreißig Minuten des Spiels war ich aber im Stadion, weil ich fand, dass da auch Support sein sollte. Ich kam also erst zurück auf die Szenerie, als eine leere Straße vor dem Jolly Roger von fünf Wasserwerfern bewacht und ich und noch eine Handvoll daran gehindert wurden, daselbst noch ein Spielauswertungsbier zu kaufen. Ich stand also sehr lange an der Budapester Straße herum, Auge in Auge mit dem neuesten Wasserwerfermodell.

Sie schelten mit Recht, wie ich finde, denn es ist in der Tat kaum mehr auszuhalten, wie sehr Berichterstattung und das Erleben von dauerkartenbewehrt regelmäßigen Stadionbesuchern beim Thema Gewalt im Fußball auseinanderfallen, das wurde vor geraumer Zeit schon einmal sehr treffend aufgedröselt, das brauche ich nicht noch einmal zu erzählen.

Ich bin außerdem keine Fußballbloggerin, ich kann und will mich eigentlich zum Thema nicht äußern. Mir ist aber am Sonntagabend bereits sehr sauer aufgestoßen, dass in den Fernseh-Regionalnachrichten über das Spiel als erstes der Sarg gezeigt wurde, mit dem symbolisch die Fankultur zu Grabe getragen wurde, und es dazu einen Kommentar gab, der was von “martialischem Auftreten” der St. Pauli-Fans sagte. Jetzt verfolge ich die Berichterstattung über die politische Demonstration an sich hierzulande nicht besonders aufmerksam. Es ist mir aber nicht verborgen geblieben, dass vom Karnevalsverein bis zum Krankenpflegepersonal immer mal wieder jemand einen Pappsarg rumträgt, mit dem irgendwas beerdigt werden soll. Von martialisch oder unangemessen war dabei aber noch nie die Rede.

Warum also gerade der Fußballfan? Und warum wird gerade uns beim FC St. Pauli vorgehalten, dass es ja mit unserem “Anderssein” nicht so weit her ist? Weil einen bei anderen Vereinen nicht erstaunt, dass es da Randale gibt? Sind die Randale dann besser?

Ich glaube tatsächlich, dass sich hinter dieser bekloppten Frage der Schlüssel zum Problem verbirgt, denn ich glaube schlicht und einfach, dass der FC St. Pauli für die Medienberichterstattung zu schlecht in die Konzepte passt. Ich glaube außerdem, dass genau darin der Grund dafür liegt, warum jetzt so wenig differenziert wird. Die Sportredaktionen haben sich in unserer vorletzten Erstligasaison fröhlich die Legende vom “Freudenhaus der Liga” zurechtgebastelt. Das kam ihnen auch ganz gelegen, denn deshalb konnten sie auch mal was anderes schreiben als Spielstatistiken und Tabellenstände. Mittlerweile haben sie festgestellt, dass es ja vielleicht gar nicht so stimmt, wie sie sich das überlegt haben, und jetzt sind sie halt beleidigt und treten uns unter die Gürtellinie, wo sie nur können. Und zwar eigentlich nicht wegen der Gewalt, die finden sie sogar ganz ok, sonst hätten sie ja wieder nichts worüber sie sensationell berichten könnten und immer nur am Bildschirm hocken und Torschussstatistiken ins Excel eingeben, das ist ja auch echt langweilig. Sie sind schlicht beleidigt, dass wir nicht so sind, wie sie sich das seinerzeit ausgedacht hatten.

Michel Foucault hat ja mal sinngemäß gesagt, dass es bei der Betrachtung von Machtverhältnissen nicht darauf ankommt, wer die Macht ausübt, sondern darauf, wie der Mechanismus der Machtausübung funktioniert und mir will scheinen, dass dieser hier so funktioniert, dass die vierte Gewalt definiert, wie jede_r zu sein hat, wenn die sich dann nicht daran halten, wird halt medial draufgehauen.

Dieser vierten Gewalt geht es nur dummerweise nicht darum, was dem Gemeinwohl am meisten nützen würde, also eine ausgewogene Berichterstattung und eine optimale Aufklärung der wählenden Öffentlichkeit auf Basis derer diese ihre Entscheidungen treffen könnte. Es geht ihr vielmehr um den Erhalt ihrer Deutungshoheit und daher werden wohl die Appelle der geschätzten Kollegen an die weniger geschätzten Sportredaktionen ungehört verhallen: Ihr redet einfach nicht auf der selben gesellschaftspolitischen Basis miteinander. In der Zwischenzeit hatte die vierte Gewalt schon ziemlich viel Erfolg mit dem Ruf nach einem “Aufstand der Anständigen”, sie hat schon den einen oder anderen “selbsternannten” St. Pauli-Fan gefunden, der meint, es möge doch bitte “hart durchgegriffen” werden. Wir werden entzweit, das hat noch nie jemandem gut getan. United we stand, divided we fall.

Eine öffentliche Frau

Herrschaften,

ist euch eigentlich aufgefallen, wie viele Politiker_innen, vor allem diejenigen, die es mit der öffentlichen Meinung schwer haben oder hatten, in letzter Zeit Bücher schreiben? Allen voran natürlich der unbeirrbare Thilo Sarrazin, der die Erlebnisse seiner Frau für Empirie hält und auf ihrer Grundlage die Existenz des “deutschen Volkes” bedroht sieht. Bei einer Blitzrecherche stelle ich fest, dass der uns gerade ganz aktuell mit neuen Thesen bedroht, dass der Euro eine große Überflüssigkeit sei. Das wird lustig, wenn das im Mai rauskommt. Aber auch unser verhinderter Bundespräsident und der Freiherr mit den vielen Vornamen haben ihre Probleme in Buchform der Öffentlichkeit noch einmal zugänglich gemacht.

Wieso machen die das eigentlich, frage ich mich. Der Job Politik besteht halt auch aus Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache und wenn die erst erfolgreich gewesen ist, man also ein topdotiertes Spitzenamt bekommen hat, obwohl man seine Diss abgekupfert hat und obwohl man sich unter Mitnahme aller erreichbaren Vorteile dahin gebracht hat, wo man ist, aber dann halt nicht mehr so erfolgreich, weil rausgekommen ist, dass es Gründe hätte geben können, warum eine_r besser nicht ins schöne Amt gewählt hätte werden sollen, dann ist das für meine Begriffe Pech.

Wir können ja gut sein in dem, was wir tun, aber trotzdem bauen wir alle in unserem Job mal Mist. Ich habe zum Beispiel einen echt schlechten Aufsatz in einem Tagungsband veröffentlicht. Das ist mir aber erst im Nachhinein aufgefallen, wie schlecht der ist. Dumm gelaufen, aber wenn ich den irgendwann unter die Nase gerieben bekomme, werde ich mich ganz bestimmt nicht hinstellen und heulen.

Ich schweife ab, noch ehe ich zum eigentlichen Thema gekommen bin. Wobei ich mir sicher bin, dass ihr eh wisst, worauf es heut hinauslaufen soll: Politiker, Bücher, diese Woche? Natürlich die Frauenministerin, von der die wunderbare Hella von Sinnen neulich sagte, dass Minnie Maus wohl im Ministerium mehr erreichen würde.

Katrin Rönicke hat im Freitag sehr schön zusammengefasst, wie auch meinereine Befindlichkeit in Bezug auf Kristina Schröder ist: Ich will mit ihr nicht in einen Topf geworfen werden. Dieses Gefühl findet gerade auch in einer Offener Brief-Aktion Ausdruck, die wohl von der Grünen Bundestagsfraktion ausgeht. Mein erster Impuls war deshalb natürlich, mich der Feststellung “Nicht meine Ministerin” vorbehaltlos anzuschließen, denn repräsentiert fühle ich mich von Kristina Schröder ganz bestimmt nicht. Immerhin ist sie in der CDU.

Wenn ich aber genauer nachdenke, dann habe ich mit der Ministerin mehr gemeinsam als ich mir eingestehen will: Sie ist mit viel gutem Willen so ungefähr in meinem Alter, sie ist promoviert und verheiratet und vor allem hat sie keinen Bock darauf, nur deshalb, weil sie eine Frau ist, ihren Lebensentwurf fortlaufend rechtfertigen zu müssen. Ich habe mir nicht ihr Buch gekauft, keine Angst, obwohl das vielleicht sogar ethisch vertretbar wäre, denn zumindest im Vorwort desselben behauptet sie, dass die Erlöse aus dem Vertrieb Terre des Femmes zugute kommen. Mehr als die auf amazon.de verfügbare Vorschau habe ich trotzdem nicht gelesen. In dieser allerdings stellt sie für meine Begriffe korrekt dar, dass sie in einer echten Lose-Lose-Situation gewesen ist, als sie Ministerin wurde. Sie beklagt mit Recht, dass ihre persönlichen Verhältnisse mehr als bei den männlichen Kollegen gegen sie verwendet werden. Stimmt schon: Westerwave musste sich erst einmal ganz schön weltöffentlich und sehr peinlich benehmen, damit an seiner Amtsbefähigung gezweifelt wurde.

Wenn man sich aber die Rezensionen und Meinungspapiere in der Qualitätspresse ansieht, wird sie so dermaßen gescholten wie zuletzt nur Christian Kracht: Katrin Rönicke wirft ihr im Freitag vor, dass sie Emanzipation zum persönlichen Problem macht. Jakob Augstein schreibt in seiner SPON-Kolumne ähnliches nur halt für die dortigen Leser verständlich. Anna Reimann findet daselbst, dass die Ministerin vor allem sich selbst abschafft und Corinna Nohn schreibt in der SZ, dass Schröder zwar den Status Quo korrekt analysiert, aber keine politischen Konsequenzen zieht.

Ist mir alles recht, hab ich nix substanzielles dagegen zu sagen. Aber: Warum findet diese Auseinandersetzung eigentlich im Feuilleton und auf den Meinungsseiten statt? Weil der Aufhänger Schröders Buch ist. Klar. Aber so lange diese Form von sozialer Gerechtigkeit nicht da besprochen wird, wo sie hingehört, auf den Sitzungen des Parlaments nämlich, sondern ein quasi-kulturelles, schöngeistiges Leben führt, wie können wir sie denn dann ernsthaft verfolgen? Wo also führen wir diese Auseinandersetzung? Führen wir sie eigentlich überhaupt?

Wenn ich mich so umsehe (private Empirie, nicht aussagekräftig), denke ich manchmal, dass das echte Leben bereits viel egalitärer ist als uns die Presse manchmal so weismachen will. Der einzige – aber leider auch eklatant wichtige – Ort, an dem die Machtbalance sehr zu Ungunsten der weiblichen Mehrheit ausgeht, ist der Geldbeutel. Dummerweise ist das aber eben der Ort, an dem die meisten realen Lebensverhältnisse sehr direkt ursächlich hängen. Und da sind wir bei meiner Freundin Virginia Woolf, die nach der Einführung des Frauenwahlrechts in England feststellte, wenn sie die Wahl hätte zwischen einem eigenen Einkommen und dem Wahlrecht, würde sie das eigene Einkommen für wesentlich wichtiger für die Freiheit von Frauen erachten. Ich sage einfach mal ganz schnell und ganz laut Systemfrage und gehe hinter dem nächsten Buch in Deckung.

Warum dauert das so lange?

Herrschaften,

Dianne was right, the world is changing, music is changing, drugs are changing, even men and women are changing. 1,000 years from now there will be no guys and no girls, just wankers. Sounds great to me.

Trainspotting (Danny Boyle, 1996)

Wenn eine mich nach meiner identitätspolitischen Position fragt, dann ist das eine ziemlich exakte Beschreibung dessen, was ich für den Weg nach vorn halte. Erstens impliziert Mark Renton hier sehr deutlich, dass Männlichkeit und Weiblichkeit eine Frage der Kultur sind und nicht der Biologie und zweitens, dass das mit dem Sexual so wichtig nun wirklich eigentlich nicht ist. Wenn es nach mir ginge, wären wir alle erstmal Individuen mit individuellen Eigenschaften und nicht zuerst Männer oder Frauen mit Eigenschaften, die einer oder eine hat, weil sie biologisch irgendwie beschaffen sind.

Als ich angefangen habe zu studieren, war Judith Butlers Gender Trouble längst erschienen und ihre Grundannahme, nämlich dass es zwar selbstverständlich anatomische Unterschiede zwischen Menschen gibt, dass aus diesen aber keine Identität abgeleitet werden kann, ist seitdem kulturwissenschaftliches Allgemeingut. Das heißt natürlich noch lange nicht, dass jede Kulturwissenschaftlerin Butlers Auffassungen in jeder Hinsicht teilt, aber daran, dass sie diese Grundannahme gemacht hat, hat eigentlich nie jemand gezweifelt.

Umso mehr hat es mich verwundert, dass ich in einem Zeit-Dossier von Christoph Kucklick vom 12. April folgendes las:

Die einzig plausible Einsicht, die aus den Gender-Wissenschaften zu ziehen ist, hat die Münchner Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken kürzlich in einem Interview im Philosophie Magazin eher beiläufig gezogen: »Es gibt keine Natur.« Männer haben keine, Frauen auch nicht.

Christoph Kucklick, “Das verteufelte Geschlecht”

Ach was. Dass die Kollegin Vinken diese Bemerkung beiläufig macht, ist dem Stand unserer Debatte nur allzu angemessen, denn die “Erkenntnis” an sich (Gender Trouble) ist immerhin zweiundzwanzig Jahre alt.

Nie nicht hat irgendjemand in den Gender Studies behauptet, dass Frauen keine naturgegebenen Eigenschaften haben, Männer aber schon. Entschuldigung, warum hätte das denn eine sagen sollen? Auch wenn ich dem Kucklick zu Gute halten muss, dass sein Aufsatz weniger maskulistisch ist als der Titel es vermuten lässt, ich staune nicht schlecht über den heruntergeklappten Unterkiefer seines Texts angesichts uralter Hüte. Selbst seine (richtige) Schlussfolgerung, die Forderung man solle doch bitte über stereotype Rollenzuschreibungen bei Männern wie bei Frauen herzhaft lachen, findet sich streng genommen schon bei Butler, die ja auch in der Parodie von Genderidentitäten ein wirksames Mittel zur Unterwanderung der Naturalisierung sieht.

Relativ böse unter die Gürtellinie der Gender Studies tritt der Kucklick allerdings mit der Feststellung, dass im Falle DSK sofort von einer “Alpha-Kolumnistin” der New York Times das Lied vom Mann als von Natur aus bösem Vergewaltiger angestimmt worden sei. Das ist erstens ganz bestimmt nicht die Schuld der Gender Studies. Die Gender Studies haben immer schon auch den Männern gesagt, dass das gewaltbereite Image, das sie der traditionellen Vorstellung von Männlichkeit nach haben, genauso Blödsinn ist wie die Feststellung, dass Frauen nun mal von Natur aus ein weniger gutes räumliches Vorstellungsvermögen besitzen. Wer wollte denn das nicht hören, weil ihnen das “zu schwul” war? Waren das zufällig die unmarkierten Fälle? Die sich in der Folge eine Forderung von Frauen herbeiphantasiert haben, dass “unsere Männer” sich doch bitte wie die Neandertaler aufführen mögen, weil wir ihnen sonst keine Kinder mehr gebären?

Hinzu kommt noch, dass Kucklick schlicht die Machtverhältnisse im Falle DSK ignoriert: Wenn umgekehrt ein “Alpha-Kolumnist” was von der lügnerischen und betrügerischen Frau geschrieben hätte, mit Hilfe welcher Staranwälte hätte sich ein vergleichsweise mittelloses Zimmermädchen dagegen denn verteidigt?

Bleibt mir nur, abschließend noch einmal den Blitzmerker Kucklick selbst zu Wort kommen zu lassen:

Der antimaskuline Reflex lässt sich noch einige Niveaustufen absenken, um dann zu einem formlosen Faul- und Tumbheitsverdacht zu werden, wie ihn gerade beispielhaft der Philosoph Richard David Precht in der Für Sie äußerte: »Die Anzahl der Männer, die mit einem Bier vor dem Fernseher Fußball gucken und einfach nur glücklich sind, ist nun wirklich größer als die Anzahl der Frauen bei einer vergleichbaren Tätigkeit.« Wobei im Dunkeln blieb, a) woher die Statistik stammt und b) was unter einer vergleichbaren Tätigkeit zu verstehen ist: Haar-Extensions einkleben, Germany’s next Topmodel gucken und dabei Baileys schlürfen oder mit der Freundin die neuesten Abenteuer aus den Feuchtgebieten betratschen? Wenn es um Männer geht, begeben sich halt auch Philosophen auf Augenhöhe mit Mario Barth.

Zeit-Dossier-Autoren scheinen sich auf dieser Augenhöhe auch ganz wohlzufühlen.

Setzen, vier minus, würde ich sagen.

Tal der Tränen aka Silicon Valley

Herrschaften,

durch Umstände, die an dieser Stelle hier nichts zur Sache tun, hatte ich am Samstagabend das zweifelhafte Vergnügen, in einer Kneipe zu landen, in der das ProSieben Promi-Boxen lief. Das kann einen interessieren, muss es aber nicht, ich weiß schon. Allerdings kam mir beim Gedanken an den Kampf in der so genannten “Silikonklasse” (ProSieben) die Woche über noch so das eine oder andere hoch. Erstens frage ich mich, ob das deutsche Fernsehen eigentlich so schlecht sein muss, wie es ist, zweitens wundere ich mich zum wiederholten Male über die Darstellung von Sportlerinnen und drittens bin ich sprachlos angesichts des Umgangs der Protagonistinnen in der “Silikonklasse” mit beidem.

Mir scheint, dass die erste Misere darauf zurückzuführen ist, dass sich bestimmte Sendeformate einfach nicht so unproblematisch von einem Kulturraum auf einen anderen übertragen lassen, wie sich die Fernsehschaffenden das so denken. Ein Beispiel, an dem das besonders unschön deutlich wird, ist die mit Recht viel kritisierte Sendung Germany’s Next Topmodel. Die hat mit dem Promiboxen zwar nur entfernt was zu tun, aber als Beispiel zur Verdeutlichung, was ich meine, taugt sie sehr gut. Bei dieser Kritik wurde vor allem betont, dass das Körperideal, das hier vermittelt wird, ein problematisches ist. Dem stimme ich natürlich grundsätzlich zu. Hinzu kommt allerdings in meinen Augen, dass die Show einfach auch handwerklich schlecht gemacht ist, weil nicht bedacht worden ist, dass die Mythen in unserer Gesellschaft ganz andere sind als in den US and A. Eine solche Sendung “lebt” von der Idee, dass jeder Mensch, der konsequent an sich selbst arbeitet, alles erreichen kann, was er oder sie sich vornimmt.

Das Hollywood-Kino ist voll von solchen Geschichten. Die Rockys dieser Filme trainieren wie die Besessenen, geben, wenn nötig, alles auf, bis hin zum eigenen Leben (vgl. zum Beispiel Bruce Willis in Armageddon), aber sie erreichen am Ende, was sie sich vorgenommen haben. Man kann das vielleicht als Ausdruck des American Dream interpretieren. So funktioniert auch die Mastererzählung von Made auf MTV und auch das amerikanische Pendant zur Sendung, um die es hier geht, America’s Next Top Model.

Das Problem ist jetzt, dass wir hierzulande diesen Mythos tatsächlich oder vermeintlich nicht so wirklich glauben. Zumindest scheinen die Fernsehschaffenden von ProSieben und anderen davon überzeugt zu sein, dass wir eben nicht sehen wollen, wie jemand durch harte Arbeit erreicht, was er oder sie erreichen will. Wir wollen lieber die harte Arbeit sehen, die dann doch vergebens ist. Wir wollen uns lieber hämisch über jemanden amüsieren, der etwas zu erreichen versucht, zu dem sie oder er nicht gemacht ist und uns dann sagen können “Schuster, bleib bei deinem Leisten.”

Und so sind Formate, in denen es im weitesten Sinne um self improvement geht (also um die Möglichkeit, sich selbst zu übertreffen, durch konsequentes Arbeiten an einem Ziel) hierzulande Formate, in denen Spott und Häme über denjenigen ausgegossen wird, die es eben nicht schaffen. Dem entsprechend ist Germany’s Next Topmodel eher Takeshi’s Castle mit Friseurbesuch: Die Kandidatinnen müssen allerhand Wahnsinnskram mit Insekten, hohen Häusern und schnellen Fahrzeugen machen und werden dabei dazu angehalten, das Gesicht nicht zu verlieren.

Das hat halt nur leider wenig mit der Suche nach einem möglichst erfolgreichen Fotomodell und überhaupt nichts mit Mode zu tun, aber so ist die Medienwelt hierzulande wohl eingerichtet, ich sprach schon darüber. Jedenfalls scheint es mir, dass das Promiboxen sich das gleiche Virus eingefangen hat, denn liest man den unvermeidlichen SPON zum Thema, dann wird dort (mit Recht) der Auftritt von “Evil Jared” als der gelungenste dargestellt und über die Silikonklasse heißt es vor allem hämisch, dass es wohl in der nächsten Zeit nix wird mit “Nacktkonzeptkunst”, weil es doch ordentlich auffe Fresse gab.

Das passt ins von mir vermutete Bild: “Evil Jared” weiß halt, was zur Mastererzählung dazugehört: Da wird öffentlich den Drogen und dem Suff abgeschworen und ordentlich trainiert und anschließend der Diskusprofi vermöbelt. Astreine Umsetzung der Theorie in die Praxis.

Sieht man sich jetzt die beiden Damen aus der “Silikonklasse” an, sieht das natürlich ganz anders aus. Ich will jetzt gar nicht die einzelnen Sexismen auseinandernehmen, die in der Präsentation der ganzen Angelegenheit stecken, es reicht ja wohl, sich klarzumachen, dass beim Boxen durchaus auch Frauen in Gewichtsklassen gegeneinander antreten. Stattdessen das Gewicht der Silikonimplantate miteinander zu vergleichen, ist gleich doppelt perfide: Einmal, weil es nicht anerkennt, dass für Frauen im Sport im Grundsatz die gleichen Regeln gelten wie für Männer. Zweitens, weil das ständige Erwähnen der Silikonimplantate bei so genannten Umlautpromis auch wiederum nur die Häme ist, die über jemandem ausgeschüttet wird, (in diesem Fall) die durch Anpassung an erwünschte Körpernormen versucht hat, die eigene Popularität zu steigern und das ohne Erfolg. Das ist eigentlich die ekligste Form von Sexismus, die ich mir vorstellen kann: Eine, die von Frauen zuerst erwartet, dass sie sich pornographizierten Standards anpassen und dann über sie lacht, wenn dabei was schiefgeht. Dazu kommt natürlich, auch wenn einige ewiggestrige das nicht wahrhaben wollen, dass Frauenboxen natürlich ein echter Sport ist. Ich erinnere in diesem Zusammenhang daran, wie (ebenfalls auf ProSieben) Stefan Raab verdienterweise von Regina Halmich ordentlich vermöbelt wurde. Naja, und wer die Goldlameehöschen von Frau Schäfer gesehen hat, hat da eh keine Fragen mehr.

Was mich jetzt wundert, ist, dass die Mädels sich so arg wenig Mühe gegeben haben. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass ich im Boxring besser aussehe, wenn jemand mir das Privileg einräumen würde, eine zeitlang mit einem Profi zu trainieren. Die Mädels, die da im Ring standen, sahen jedoch aus, als hätte die eine der anderen gerade die Fanta über den Hello Kitty-Schlafanzug gekleckert und jetzt müsste es dafür Kloppe geben.

Ich weiß, was ihr da draußen jetzt alle sagt: Jaaaahaaa, aber wundert dich das? Bei dem Frauenbild, was auf dem Sender immer so verkauft wird? Ja, es wundert mich schon, denn auch wenn ich mir vielleicht vorstellen kann, dass die umlautprominenten Mädels, die da gegeneinander boxen, auf den Regisseur der Sendung gehört haben und sich dumm angestellt haben, sobald sie die Handschuhe anhatten, frage ich mich dann doch, warum Susi Kentikian oder Regina Halmich da mitmachen. Haben die keinen Bock mehr auf die Anerkennung ihres Sports? Oder sind die so sehr in unserer Kultur hierzulande verwurzelt, dass sie auch nicht glauben, dass jemand was erreichen kann, das nicht im kernigsten Kern des innersten Ichs angelegt ist? Ich komme aus dem Staunen nicht raus.