Herrschaften,
I accept that I’m somehow, and for some obscure, pervasive reason, doing this stuff with heroin to myself. I’m not going along with all that powerless loser shite that it’s a disease.
Irvine Welsh, Skagboys, S. 463
Vor ein paar Wochen ist Skagboys erschienen, ein Prequel zu Trainspotting. Skagboys erzählt vor allem wieder von Mark Renton, aber auch von Figuren, die eigentlich Schlüsselfiguren von Trainspotting sind, dort aber nur am Rande vorkommen, so wie Johnny Swan (Mother Superior). Der Roman macht, was ein Prequel halt so macht, er berichtet, wie es so weit kommen konnte wie in Trainspotting beschrieben. Vieles davon kennt eine ja schon und dass etwa Simon Williamson (Sick Boy) einen Vater hatte, der seine Mutter mies behandelt hat, hätte sich eine vielleicht auch ohne die neuen Erklärungen denken können. Macht es übrigens – auf das echte Leben bezogen jetzt – nicht wesentlich besser, oder, um es mit Lisbeth Salander zu sagen: Man hat die Wahl, wer man sein will.
Die bürgerliche Presse warf Skagboys vor, dass er nicht wirklich erklärt, warum denn jemand wie Mark Renton, potentieller sozialer Aufsteiger mit beinahe abgeschlossenem Universitätsstudium und mehr als netter Freundin, dennoch das Leben mit Heroin dem Leben mit besagter Freundin und dem Abschluss vorzieht. Diesen Teil der Geschichte kann eine wahrscheinlich wirklich nur aushalten, wenn sie eben nicht das “medizinische Modell”, von dem im Zitat die Rede ist, kauft. Ich fand das Gespräch zwischen Mark und Fiona, in dem er ihr erklärt, dass er mit ihr Schluss macht, weil er Zeit braucht, um auf Heroin zu sein, durchaus plausibel. Die Leserin erfährt nämlich dabei gleichzeitig, dass er glaubt, dass das wahrscheinlich die letzte selbstlose Tat ist, zu der er für lange Zeit fähig sein wird.
Das hat schon seine ganz, ganz eigene, durchaus nicht unperverse Logik: Der Süchtige ist, das kann eine, denke ich, von Welsh so übernehmen, ein egoistisches Miststück, der alle, die ihm nahestehen, in seine Scheiße mit reinzieht. Mit so jemandem zu leben, macht wahrscheinlich niemanden glücklich. So gesehen ist es also tatsächlich wesentlich besser für Fiona, wenn Mark sich aus ihrem Leben verabschiedet, so lange er noch kann und ehe seine Sucht (auch) ihr Problem geworden ist.
Wahrscheinlich ist das der Punkt, an dem bei den Rezensenten, die ich gelesen habe, das Verständnis aussetzt: Mark steht hier – sehr bewusst – vor der Wahl zwischen einem Leben, das alles beinhaltet, was eine so landläufig als erstrebenswert versteht, und dem selbst gesuchten Elend im Teufelskreis aus Konsum, (drohendem) Entzug und Beschaffung.
Die Intervention, die in Skagboys vorkommt, ist die Entzugsklinik, in der Überzeugung, dass dem Süchtigen lediglich geholfen werden muss, aus der körperlichen Abhängigkeit herauszukommen und einzusehen, dass es zu nichts führt, was er tut. Als ob eine_r das nicht wüsste. Mark formuliert es so:
I could be anticipating graduating from university, or perhaps getting engaged tae a beautiful girl. Aye, I could go on about addiction as an ailment, [...] but now that I’m detoxed, I’m officially no longer physically addicted to heroin. Yet at present I crave it more than ever; the whole social thing; copping, cooking, banging up and hanging out with other fucked-up ghosts. [...] How can I sanely prefer that sort of activity [...] But I do.
Irvine Welsh, Skagboys S. 463f.
Dass einer wie Mark Renton das weiß, aber trotzdem anders handelt als erwartet, hat auch schon beim Erscheinen von Trainspotting dazu geführt, dass Vorwürfe laut wurden, es würde hier der Drogenkonsum glorifiziert. Nichts könnte ferner von der Wahrheit dieses Romans sein. Das Elend, das in Trainspotting bestenfalls angedeutet vorkommt, wird hier volle Möhre und in aller Ekligkeit auf die geneigte Leserin losgelassen.
Skagboys belässt es aber – im Gegensatz zu Trainspotting – gerade nicht dabei, sondern erklärt weiter, warum in der Welt, auf der wir drauf rumtrampeln, die Heilung eben nicht funktioniert wie erwartet. Nur macht Welsh das hier nicht direkt, das wäre ja auch Quatsch, weil doch die Figuren erzählen und die haben ganz bestimmt keine sozialpolitische Perspektive. Er streut vielmehr immer wieder Kapitel ein, in denen es um die Dutch Elm Disease geht, eine Krankheit der Bäume in Edinburgh, die bekämpft wird, indem befallene Bäume gefällt und verbrannt werden. Zusammen mit den “Notes on an Epidemic” (Kapiteln, die im ganzen Text verteilt sind, in denen Listen von neuen HIV-Infektionen enthalten sind), wird das Bild für mich recht deutlich, das die geschilderte Gesellschaft von den Krankheiten hat, die hier das Thema sind. Wenn nicht geholfen werden kann, muss isoliert und ausgerottet werden.
Diese Logik entspringt – auch im Text an sich – der thatcheristischen ökonomischen Logik: “There is no such thing as society: there are individual men and women, and there are families.” sagte die Dame herself zu ihrer Zeit. Für mich ergibt sich da ein sehr klares Bild, was die Mechanismen sind, die Mark und seine mates zum Heroin zurück treiben. Das einzige, das das Bild trübt, das so entsteht, ist die Tatsache, dass der Süchtige einen eigenen Willen und eigene Entscheidungsfähigkeit für sich reklamiert. Da waren sie wieder, meine drei Probleme, jetzt will das marginalisierte Subjekt auch noch mitreden, ja will sogar selbst an seiner Misere schuld sein, so geht es ja nun nicht. Die Armen können ja durchaus noch ausgehalten werden, wenn sie arm und hilflos sind, so dass sie sich als Objekt für Wohltätigkeit (vulgo Charity) eignen, wenn sie diese Vorstellung aber unterwandern, na dann gute Nacht.
Bleibt zu hoffen, dass auch Leute Skagboys lesen, deren Weltbild nicht in diesem Sinne vorbelastet ist. Es haben sich in den letzten vielleicht zehn bis zwanzig Jahren noch einige andere britische Schriftsteller mit dem Thema befasst, dass das Destruktive oder – um metaphysische Kategorien zu bemühen – das “Böse” eben nicht so ist wie im Hollywood Horrorfilm: gebunden an eine Ausgeburt der Hölle, die lediglich eliminiert werden muss, damit wir alle weitermachen können wie immer und es war ausgerechnet eine Kinderbuchreihe, die an extrem prominenter Stelle festgestellt hat, dass “gut” und “böse” keine absoluten Kategorien sind, wenn es um Menschen geht, sondern dass wir alle lichte und schattige Seiten haben. Allen voran war dabei natürlich schon in den 90ern der großartige Will Self, der in My Idea of Fun vor allem zum Thema machte, wie grausam wir in unserem Bedürfnis nach Unterhaltung sind. Vielleicht könnten wir stattdessen mal den ganzen Selbstoptimierungsmist das sein lassen, was er ist: Teil einer puritanischen Ethik. Der International Man of Leisure himself macht sehr schön deutlich, dass wir auf dem Pfad der bürgerlichen Tugend so weit fortgeschritten sein können, wie wir wollen, uns das aber noch immer nicht daran hindert, uns selbst und auch anderen jede Menge Mist anzutun. Wer darüber was lesen will, der sollte sich Skagboys unbedingt zu Gemüte führen. Davon ganz abgesehen ist auch der Humor sehr trocken und das Buch an sich sieht zudem sehr hübsch aus im Regal.